Ich nehme auf der Rückbank Platz und meine etwas einzusinken...
Die Rückbank ähnelt beinahe einem Sofa aus den 70ern. Ungefähr 40cm vor mir pustet ein Ventilator die Abgase der Straße durch das offene Fenster direkt in mein Gesicht. Wir fahren los.

Wir sind unterwegs in einem der bekannten gelben Yellow-Cabs, die Kolkata so bekannt machen. Seit 1962 prägen sie das Stadtbild mit. Auch jetzt noch sehen die “Ambys” beinahe aus, als wären es die Ersten, die damals vom Band liefen.
Die Firma Hindustan Motors baut den Ambassador von 1957 bis 2014 beinahe unverändert. Lediglich die Motoren und das Interieur werden überholt. Das Blechkleid wirkt immer gleichbleibend nostalgisch.
Damals bestellt die Calcutta Taxi Association eine Variante in schwarz und eine in gelb. Passagiere sollen die schwarzen Ambys für Fahrten innerhalb der Stadt nehmen und die gelben für Fahrten nach Außerhalb. Die Signalwirkung der gelben Variante wird jedoch in den kommenden Jahren dafür sorgen, dass die schwarzen Cabs nach und nach verschwinden.
Wir schieben uns mit gemächlichem Tempo durch den dichten Verkehr. Es ist ein Wechselspiel zwischen stehend und rollend. Den Zustand fahrend, erreichen wir zu dieser Uhrzeit eigentlich nicht. Dafür ist das Verkehrsaufkommen zu groß. Dieses Wechselspiel bringt leider auch keine große Abwechslung auf die Nebenspur, weswegen wir kontinuierlich neben einem der blauen Linienbusse dahinrollen.
Air-Conditioning oder Abgasnarkose ?
Es macht den Anschein, als hätte man das Auspuffsystem dieser Fahrzeuge so geschickt angelegt, dass ein nebenherfahrendes Fahrzeug grundsätzlich mit den Abgasen aufgefüllt wird, als Strafe dafür, sich gegen den Bus und für ein Auto entschieden zu haben.
Der liebevoll, an die B-Säule unseres Ambys geschraubte Ventilator versorgt uns ohne Latenz mit der Abgasbriese. Der haushaltsübliche Ventilator wird außen am Taxi in großen Lettern mit “AC”, also “Air-Conditioning” angepriesen. Das klingt vielversprechend – ist in Indien aber, ebenso wie “Luxury” ehr als unverbindlich zu deuten.

Ebenso unverbindlich sind die Preise für eine Taxifahrt. Taxometer sind lange Zeit nicht vorhanden und wenn, dann ist nicht selten noch ein Bonus verlangt worden. Sei es, für eine besonders gute Fahrweise oder weil man ohne einen Aufpreis, Fahrziele einfach abgelehnt hat und die Passagiere stehen ließ. Der große Unmut über diesen Zustand ruft die Transportbehörden auf den Plan und diese veranlasst Änderungen.
Im Jahr 2013 ändert die Calcutta Taxi Association das Konzept und bringt innerhalb von 2 Jahren eine Flotte 2000 weißer Taxis mit blauen Streifen an den Markt. Auf diesen Taxis taucht erstmalig der Schriftzug “No Refusal” auf. Bei diesen Taxis soll der Fahrgast den Vorzug genießen, dass sein Wunschziel nicht abgelehnt werden darf und das es einen verbindlichen Beförderungspreis gibt, welcher vom Fahrer nicht durch Bonis aufgestockt werden kann. Der Fahrer wird vertraglich dazu verpflichtet, sich dem neuen Regelwerk zu unterwerfen und ist bei Verstößen, abzustrafen.
Am liebsten, gerne alles in Blau-Weiß…
Die blau-weiße Farbgebung der Taxis ist nicht zufällig gewählt. Sie gilt in Westbengalen als behördliche Farbkombination. Es handelt sich dabei um die Lieblingsfarben der schon seit 2011 amtierenden Chef-Ministerin Mamata Banerjee, welche kurzerhand einen großen Teil der behördlichen und öffentlichen Gebäude in blau-weiß anstreichen lässt. Ebenso gestaltet man das westbengalische Wappen ihrer Aufforderung nach, in dieser Farbkombination. Das ganze nimmt groteske Züge an, als die Stadtminister Kolkatas eine Initiative ins Leben rufen, dass diejenigen welche ihr Haus in den Farben Skyblue oder Weiß streichen, für ein Jahr keine Grundsteuer abführen müssen. Dieser riesige Loyalitäts-Test an den Bewohnern Kolkata`s führt damals zu blau-weiß gestreiften Fahrbahnabtrennungen und Laternenmasten. Ganze Brückenbögen und sogar LKW werden kurzerhand umlackiert. Die CPIM, welche vor Banerjee’s Trinamool Congress (All India Trinamool Congress AITC oder TMC ) lange Jahre über Westbengalen herrschte, färbte ihre amtlichen Bauten in marxistischer Tradition, rot. So entstand im Laufe der Jahrzehnte ein bunter Farbmix.

Man sagt immer Indien sei sehr bunt, was nicht zuletzt an solchen Geschichten liegt. Man denke an Jaipur, die Hauptstadt Rajasthans. Sie ist den Menschen nur zu gut als “Pink City”” ein Begriff. Als 1876 der Besuch des walisischen Kronprinzen Albert Eduard ansteht, taucht man, als Zeichen der Gastfreundlichkeit, den Stadtkern komplett in zartes Rosa.
Ganze Städte umzufärben ist in Indien eine Machtdemonstration mit Tradition, der Mamata Banerjee sich in Kolkata beziehungsweise West-Bengalen anschließt.
Als 2013 die neuen Banerjee konformen blau-weißen Taxen mit anfänglich 450 an der Zahl in den Verkehr gebracht werden, stellt den Großteil dieser Fahrzeuge die Firma Hindustan mit ihren letzen Chargen des berühmten Ambassadors.
Die restlichen Fahrzeuge kommen in einem Zeitraum von zwei Jahren von den Automarken Maruti Suzuki und Mahindra, welche technisch ausgereifter und bequemer sind. Zudem müssen die neuen Fahrzeuge theoretisch laut der neuen Richtlinien für die “No Refusal” Taxen, einen Frachtraum haben.
Dass es diesen Frachtraum gibt- kann ich bestätigen. Dass man dort sein Gepäck verstauen kann ist eher Glückssache. Nur zu oft wird der Frachtraum von opulenten Flüssiggastanks ausgefüllt und man quetscht sich inklusive seinem Gepäck in den Fahrgastraum. Wenn man dann noch komplette Kameraausrüstungen unterbringen muss, wird die Sache langsam spaßig.
Als man 2015/2016 feststellt, dass die neuen Taxis sich einer großen Beliebtheit bei den Einwohnern Kolkatas erfreuen und die blau-weisse Flotte die Nachfrage nicht mehr bewältigen kann, wird die günstigste Lösung gewählt und auch die gelben Ambys bekommen den “No Refusal” Schriftzug in großen Lettern auf die Seiten gepinselt. Auch diese Fahrer bekommen die neuen Verträge.
Da es sich bei den neuen Verträgen aber um keine offiziellen Dokumente handelt, legen die Fahrer in den nächsten Jahren eigentlich keinen großen Wert auf die Einhaltung der Richtlinien. Bei behördlichen Überprüfungen im Laufe der Jahre nach der Einführung, liegt die Durchfallquote bei 10 von 11 Fahrern.
Als man vor Beginn der CoVid Pandemie ungefähr 25.000 Yellow-Cabs in Kolkata zählen konnte, nebst Taxen privater Unternehmen wie Uber, die mittlerweile in der Mega-City ihr Geschäft wittern, sind es nach der Pandemie nur noch knapp 8000 Fahrzeuge. Vielen Fahrern fehlt während der Pandemie die Einnahme. Da sie die Ambys in der Regel bei einem Taxiverleih mieten und täglich einen erheblichen Anteil als Leihgebühr bezahlen müssen, unabhängig ob sie Fahrgäste befördern, kehren viele der Stadt den Rücken.
Yatri Sathi – Die Taxi App
Uber, Ola und Co. sind natürlich mit ihren eigenen Apps mit der Bevölkerung gut vernetzt und verdrängen die Ambassadore immer mehr aus dem Markt. Da die Stadt hier um fehlende Einnahmen bangt, führt der Bundesstaat Westbengalen 2023 die App Yatri Sathi ein. In Ihr werden alle noch vorhandenen “No Refusal” Taxis gelistet und sind über diese App buch- und bezahlbar. Auch Ola macht bereits vor der Pandemie ihre App den Yellow-Cab Fahrern zugänglich, jedoch mit mäßigem Erfolg.
Mit Yatri Sathi zieht man mit den privaten Taxianbietern gleich. Für die Bevölkerung Kolkatas, die sich eigentlich nur mit Taxis, Bus und TukTuks durch die City bewegt, ist die App eine tolle Sache.
Die Preise der “No Refusal” Flotte liegen immer noch unter dem Niveau der privaten Anbieter und sind somit erschwinglicher. Ein Vorteil für die Fahrgäste ist nun, dass die Fahrer über den App- Anbieter bezahlt werden und es eigentlich keine Möglichkeit mehr gibt, dass die Fahrer Extrakosten verlangen können. Man merke sich an dieser stellen das Wort “eigentlich”.
Wir würden es vermissen, würde man nicht versuchen, uns als Touristen nach Strich und Faden zu betrügen. Egal ob wir mit dem Yellow-Cab oder mit einem Uber durch Kolkata fahren. Es gibt immer einen Ausweg für Extraeinnahmen.
Gerne kurven die Fahrer umständlich um das eigentliche Ziel herum und können in der App, Mehrkosten wegen Baustellen- und Stauumfahrungen eingeben. Selbst wenn diese nicht existieren. Da wir die Tricks mittlerweile kennen, lassen wir bei den Fahrten immer auf dem Handy eine Kartenansicht mit Zielführung laufen. Gerade bei nicht Ortskundigen klappt die Trickserei der Fahrer ganz gut.
Eigentlich sind die Preisdifferenzen für unsere prall gefüllten Touristen-Geldbörsen ein Witz. Aber es führt dazu, dass die Fahrer wissen, dass gerade bei Touristen mehr Geld zu holen ist und die Bewohner der Stadt bei der Beförderung benachteiligt werden. Da man sich bei Yatri Sathi vor der Nutzung registrieren muss, mit Mailadresse und Kontaktnummer, sehen die Fahrer schnell ein Zusatzgeschäft bei ausländisch klingenden Namen und nehmen die Fahrten bevorzugt an.
Aus diesem Grund proben wir immer etwas theatralisch den Aufstand und verweigern die zusätzlichen Kosten. In der Regel klappt das ganz gut, indem man wild gestikulierend aussteigt und sich vom Taxi entfernt. Schwarze Schafe gibt es bekanntlich überall.
Es ist ein schmaler Grad zwischen Mitleid und Vernunft, weiß man doch, dass die Fahrer am Ende des Tages kaum Geld übrig haben.

Die meisten Fahrer sind freundlich und wir kommen mit vielen ins Gespräch. Früher und auch heute sitzen hinter dem Steuer Fahrer, die einen auffälligen Turban auf dem Kopf tragen. Ein typisches Erkennungsmerkmal der Sikh. Der Sikhismus ist eine Religion die hier in Indien neben dem Hinduismus als kleine Gruppe existiert.
Die Radcliffe Line spaltet Indien und Pakistan.
Der Ursprung der indischen Sikh Gemeinde liegt im Bundesstaat Punjab, weit oben im Norden, an der pakistanischen Grenze liegend. Nach der Teilung British-Indias 1947 und damit auch dem Ende der britischen Kolonialherrschaft, entstehen das heutige Indien und Pakistan. Im Laufe dieser Teilung kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen mit hunderttausenden Toten und zu großen Völkerbewegungen. So wollen die Muslime gen Norden in Richtung des neuen Staates Pakistan und Sikhs und Hindus aus der nördlichen pakistanischen Region, Richtung Osten aufbrechen.
Cyril Radcliffe, ein britischer Jurist trägt dafür die größte Schuld, zieht er doch kurz nach der offiziellen Teilung im Namen des Empires die Grenzlinien, ohne jemals in Indien gewesen zu sein. Ein fataler Fehler, die sogenannte Radcliffe-Line ist bis heute dafür verantwortlich, dass in der Region zwischen Indien und Pakistan sehr viel Militärpräsenz anzutreffen ist.
In Wagah, dem einzigen offiziellen Grenzübergang zwischen den beiden Ländern gibt es jeden Tag eine imposante Wachwechsel-Show für die auf beiden Seiten extra Tribünen angelegt wurden. Ein Volksfest mit Zuckerwatte, Stacheldraht und Maschinenpistolen.
Der ganze Rückzug beziehungsweise die Auflösung des britischen Einflusses in dieser Region destabilisiert das Leben von Millionen Menschen. Hungersnöte, Krankheiten und Arbeitslosigkeit sind die Folge, die viele Sikhs in Richtung Westbengalen treibt, in der Hoffnung dort Arbeit zu finden. Schon seit den 1860er Jahren gibt es einen stetigen Zufluss dieser Religionsgemeinde in Richtung des heutigen Westbengalen. Vorwiegend in die Regionen um Kolkata.
Die Sikh steigen bereits früh in die Transportbranche in der Region ein, fahren Busse, Taxis und die berühmten TukTuks. Sie gelten als aufrichtige und ehrliche Arbeiter, was im Sikhismus den Weg zur Erlösung ebnet.
„Ein Sikh muss anderen ein Beispiel geben; er soll ein besserer Bauer, ein besserer Geschäftsmann und ein besserer Beamter sein.“ So steht es in der Einführung in den Sikhismus des Gurus Gobind Singh.
Im Sikhismus, anders als im Hinduismus gibt es kein Kastensystem. Gerade bei den betuchten Geschäftsleuten der oberen Kasten, sind die Sikh als Transportdienstleister in der Vergangenheit gerne gesehen. Viele verlangen explizit nach Sikhs als Fahrer für ihre Frauen oder für Nachtfahrten, traut man niederen hinduistischen Kasten doch nicht über den Weg. Was leider heute immer noch der Fall ist, obwohl die Kasten offiziell abgeschafft worden sind.
Würden die Mauern des Kastensystems wirklich niedergerissen werden, müssten sich Brahmanen, Kshatriyas und auch die Vaishyas, als die drei höher angesiedelten Kasten mit Zugang zu Bildung, Wirtschaft und Einfluss auf die Politik, auf eine Stufe stellen mit Shudras und Dalits.
Die Dalits, auch “die Unberührbaren” genannt, sind in der untersten Kaste eigentlich gefangen. Ein kleiner Beweis dafür, dass es das Kastensystem nicht mehr gibt ist die Tatsache, dass es Dalits mancherorts in die regionale Politik geschafft haben.
Übernimmt jedoch ein Brahmane das Amt und die Amtsräume werden übergeben, werden die Räume desinfiziert und man entledigt sich Allem, womit der Amtsvorgänger in Berührung kam. Man könnte also meinen, das Kastensystem ist nur von unten nach oben abgeschafft, aber nicht anders herum.
Die Sikhs…ein Religionsgemeinde beherrscht das Transportbusiness in Kolkata.
Die Sikhs beherrschen also mit Fleiß und Geschick, zunehmend den Transportmarkt in der westbengalichen Metropole und gehören zu den Ersten die große Flotten der gelben Ambassadore, samt Lizenz kaufen und aus dem Taxi- und Busfahren ein ernsthaftes Business machen. Der Großteil der Sikh-Community lebt in Bhowanipore im Süden Kolkatas.
Sie lernen Bengali, die offizielle Landessprache in Westbengalen und machen sich mit der Kultur und Literatur Kolkatas vertraut.
Nach der CoVid Pandemie ist die Community deutlich kleiner geworden. Viele kehren wegen fehlender Einnahmen zurück in den Norden. Auch die immer härter werdende Konkurrenz durch Uber und Ola sorgt schon vor der Pandemie für eine Abwanderung der Sikhs.
Einen Bodenwelle ist es, die mich unsanft aus dem Halbschlaf rüttelt.
Wir sind in Bewegung, das Taxi nimmt Fahrt auf. Die Abgasnarkose klingt langsam ab und mein geistiger Exkurs durch die Geschichte Indiens, Kolkatas und den gelben Taxis, gibt den Blick nach und nach wieder frei auf die Gegenwart.
Wir überqueren gerade die Howrah-Bridge, welche die Stadt Kolkata und Howrah miteinander verbindet. Unter uns fließt der Hooghly hindurch. Ein Fluss, in den man besser nicht seine Füsse reinhalten sollte, auch wenn es an den Ghats im Schatten der Brücke jeden morgen zu Badezeremonien kommt. Mir hat der Gestank schon in der Nähe vom Ufer die Tränen in die Augen getrieben.
Ein gelber Ambassador auf der Howrah-Bridge, beide Klassiker zusammen in einem Foto bei Sonnenaufgang- Was wäre das für ein geniales Foto denke ich mir. Mein Plan für den kommenden Morgen steht. Aber erstmal fährt uns der gelbe Amby in den Osten der Metropole.
Das Lenkrad wild von links nach rechts drehend, steuert der Fahrer den gelben Oldie zielsicher durch den Verkehr. Verwunderlich ist, dass die Bewegungen am Lenkrad nichts bewirken, wir fahren schnur-geradeaus. Ich ignoriere das Lenkradspiel und verlasse mich auf das Können des Fahrers.
Bei Hindustan legt man wohl in der Entwicklungsphase der Ambassadore weniger Wert auf filigrane Technik. ABS, Servolenkung, Komfortfahrwerk, Airbags…alles fand, trotz mehrerer Neuauflagen, nie den Weg in diese Kisten. Generell wirkt die Verarbeitung des Fahrzeuges eher an einen Schulprojekt von Viertklässlern. Aber genau dieses Zusammenspiel aus grob geformten Blech, kombiniert mit liebevoll daherblickenden, runden Scheinwerfern und dem 70er-Jahre Sofa als Rückbank, hat Hindustan ein zeitloses Werk geschaffen, dessen Unverkennbarkeit auch ohne knallgelbe Farbe, noch heute garantiert ist.
Von Schlaglöchern durchzogene Straßen lassen uns auf der Rückbank im Einklang mit dem Auto mit hüpfen. Auf diese Weise erreichen wir Bhowanipore.
Die intensive Abgasnarkose und die rhythmischen Kreislaufübungen während der Fahrt, sind uns ein Trinkgeld wert.
Bei einem der Straßenverkäufer beruhigen wir unsere strapazierten Körper erst einmal mit einen Chai und setzen uns auf die vor dem Stand angerichteten Hocker. Unsere Blicke schweifen über das Treiben und uns dämmert langsam, auf was wir uns gleich einlassen. Hier vorne an der Straße können wir in jede Richtung blickend, nur aufgehäufte Ersatzteile für den Ambassador sehen. Eine ölige Berglandschaft aus Reifen, Motorteilen, Lenkrädern, Sitzen, Tanks, Türen und Scheiben ragt hier in den Himmel.
Ein ganzer Stadtteil – ein ganzer Schrottplatz.
Enge, dunkle Gassen führen zwischen den Gebäudefronten und Ersatzteilbergen in das Herz des Viertels. Das ganze Viertel ist ein einziger Schrottplatz.
Wir trinken unseren Tee aus und werfen, wie es die Tradition verlangt, die kleinen Pappbecher in den Straßengraben und tauchen ein in diese Welt der Dunkelheit.
Tageslicht durchdringt nur mit Mühe die löchrigen Vordächer aus Wellblech. Die Gebäude scheinen weiter oben wieder zusammen zu wachsen. Der lehmige Boden ist durchzogen mit Altöl, Benzinresten und metallischem Abrieb von Trennarbeiten. Meine Augen müssen sich erst einmal an die plötzliche Dunkelheit gewöhnen. Intuitiv greife ich zur Kamera und gebe der Kamera schonmal zwei Blendenstufen mehr Spielraum.

Die schwarze, stinkende Masse durchströmt dieses Labyrinth aus verwinkelten Gassen, Werkstätten und Hauseingängen. Kabel hängen über unseren Köpfen wirr umher und versorgen die kleinen Werkstätten mit Strom. Überall werden Autoteile gesäubert, zerlegt oder neu lackiert.
Brennende Kabelhaufen sorgen für einen beißenden Geruch in der Nase und die Augen tränen. Durch das abbrennen wird die Gummi-Ummantelung vom wertvollen Kupfer getrennt. Einfach-aber wohl die schlimmste Option für Mensch und Umwelt.
Einen so lebensfeindlichen Raum hatte ich irgendwie erwartet, aber mir dennoch gewünscht, dass es nicht so kommt.
Sich nicht viel von der dreckigen Masse abhebend, laufen Männer mit Hämmern und anderen groben Werkzeugen umher.
Von der Fußspitze bis zu den Ohren eingeölt in giftige Schmierstoff-Reste, zerkleinern sie in atemberaubender Geschwindigkeit, barfuß oder mit Flip-Flops, komplette gelbe Taxis und andere Fahrzeuge in ihre Einzelteile.

Hier werden Motoren ausgeschlachtet, das Altöl läuft in Rinnsalen durch die Gassen.
Wir versuchen uns auf das Fotografieren zu konzentrieren, finden jedoch nicht viele Ecken, wo ausreichendes und interessantes Licht auf die Szenerie fällt. Unter unseren Füßen schmatzt der verseuchte Boden und ich habe Angst auszurutschen.
Ich versuche nicht zu sehr aufzufallen, damit ich meine Fotos machen kann. Schlimm wäre für mich, wenn die Menschen mich zu sehr wahrnehmen und ihre Tätigkeiten unterbrechen. Dann fehlt mir genau das, was ich hier machen möchte, nämlich das Geschehen unverschont und real zu dokumentieren. Manchmal ist die Zeit mein bester Freund und so stehe ich gerne einfach so lange herum, bis ich nicht mehr wahrgenommen werde.

Die Männer sind so vertieft in ihre Arbeit, dass sie uns wirklich nicht wahrnehmen oder sind so vertieft in die Bemühung, sich nicht gegenseitig mit den groben Werkzeugen zu verletzen.
Mir gelingen noch ein paar gute Aufnahmen, die meine Eindrücke perfekt abbilden. Es ist schon erstaunlich, wie schnell die Fahrzeuge, nur mit groben Werkzeugen wie Stemmeisen, Trennschneidern und Hämmern zerlegt werden können.
Wir biegen in eine weitere Gasse ab, die uns etwas heller vorkommt. Das Umfeld ändert sich zunehmend. Die kleinen dunklen Werkstätten weichen Obstläden und kleinen Supermärkten. Dennoch stapeln sich hier die Autoteile an allen Ecken. Hier, oberhalb der Blechberge leben die Familien der Schrottwerker. Wäsche hängt in kleinen Leinen vor den Fenstern zum trocknen und auch dort oben wird keine frische Brise wehen, sondern der gleiche beißende Gestank wie hier unten.
Wir bewegen uns langsam aus dem Viertel raus und erfreuen uns zur Abwechslung mal an dem ohrenbetäubenden Hupkonzert, dass von den belebten Straßen rund um den Autofriedhof herüber schallt und unsere betäubten Sinne belebt.
Ich fühle mich als ob meine Schuhe sich aufgrund der Kontamination des nun hinter uns liegenden Viertels, buchstäblich von meinen Füßen lösen. Hoffentlich schnippt keiner was brennbares in meine Richtung denke ich, während wir uns gemächlich neu orientieren und uns in Richtung eines Taxistandes bewegen.
Taxifahrt Trading…der beste Preis für beide Seiten ?
Endlich, wir sitzen wieder in einem Taxi!
Natürlich nicht so, wie man es vielleicht von uns zuhause gewohnt ist, indem man einfach in das erste Taxi der Wagenschlange einsteigt und dem Fahrer den Zielort durchgibt.
Stattdessen laufen wir zwischen den Taxis wild hin und her und feilschen um den besten Preis für beide Seiten. Anders als in der Yatri Sathi App, wo man einen halbwegs verbindlichen Förderpreis bekommt, muss der Preis bei den nicht bestellten Taxis, mit dem Fahrer vor der Fahrt ausgehandelt werden.
Was das angeht, bin ich zugegeben wirklich sehr faul. Ich steige gerne einfach ein und freue mich, dass ich meine Kameratasche mal nicht an der Schulter hängen habe. Welchen Preis der Fahrer verlangt ist mir beinahe egal, Hauptsache ich komme schnell an mein Ziel.
Achim, meine treuer Reisebegleiter ist, was das angeht , aber ein echter Geschäftsmann, weshalb wir dann doch häufig von einem Taxi zum nächsten sprinten und sich nach einigen Minuten eine Traube aufgebrachter Taxifahrer um uns versammelt und im Sekundentakt die Preise ändert. Ich stelle mir so das Trading an der Wall-Street vor.
Meine schmerzende Schulter dient mir hier oft als Taktgeber, wann genau ich mich final in das Trading einmische und Achim davon überzeugt bekomme, dass meine Zoomoptik an der Kamera samt Tasche langsam von der Schulter rutscht und wir bei Bodenkontakt auf jeden Fall mehr Kohle verlieren, als wir beim Feilschen mit den Fahrern einsparen.
Nachdem alle im Taxi wieder ihre ursprüngliche Gesichtsfarbe erlangt haben und sich die Gemüter beruhigen, schaue ich mir meine Fotos auf dem Kameradisplay an und treffe eine erste Vorauswahl.
Ich vergebe fleißig Favoriten-Sterne um mich später am Rechner besser zurecht zu finden, das hilft. Ich bin nicht so der Typ, der die Kamera auf Dauerfeuer stehen hat und von 10 Sekunden 2000 Fotos durchsehen muss, aber das Favorisieren macht für mich Sinn, wenn man gerade sowieso nichts anderes zu tun hat. Das spart am Ende des Tages die Zeit, welche man mit privaten Dingen, wie telefonieren oder einem Kaffee an der Hotelbar, sinnvoller nutzen kann.
Schnell wird mir klar, dass mir ein wichtiges Foto fehlt, über dessen Komposition ich mir während meiner Abgasnarkose im Stau auf der Hinfahrt Gedanken gemacht hatte:
Die Idee mit dem Golden Shot: Taxi, Howrah Bridge Sonnenaufgang…ob das gut geht ?
Ein Foto eines gelben Taxis auf der Howrah-Bridge im Sonnenaufgang.
Erstmal eine nette Idee mit viel Potential- ungeachtet der Tatsache, ob es überhaupt machbar ist. Aber was duselt man sich nicht im Halbschlaf alles zusammen.
Wenn dann noch die Luft mit schweren Abgasen die Sinne betäubt, baut man Luftschlösser ohne Statik.
Jetzt, wieder halbwegs bei Verstand, bin ich kurz erschrocken, dass sich doch ein recht klares Bild von der Fotoidee abzeichnet.
Ich krame nach meinen Handy und versuche bei dem Hin- und Hergeschaukel auf der Rücksitzbank herauszufinden, von welcher Seite an der Howrah-Bridge der Sonnenaufgang zu sehen ist und wo ich dann sein muss, damit ich meine Idee umsetzen kann.
Wir erreichen unser Hotel. Nach einer Dusche und einen kleinen Snack, baue ich mir das Foto vor meinem geistigen Auge zusammen und hoffe, dass die Gegebenheiten vor Ort mit meinem Vorstellungen harmonieren.
Eigentlich ist das planen von Fotos nicht mein Ding. Ich fotografiere intuitiv und schnell, bevor Gelegenheiten für immer verschwinden. Aber die Bildkomposition mit der Howrah-Bridge manifestiert sich leider zunehmend in meinen Kopf. Ich suche mir Infos über die Brücke zusammen um mich davon abzulenken, Achim dazu zu nötigen wieder in ein Taxi zu steigen, um die Gegebenheiten vor Ort zu erkunden.
Die Howrah-Bridge, oder um es namentlich korrekt zu halten: die Rabindra Setu ist die wichtigste Verbindung zwischen der am östlichen Flussufer gelegenen Metropole Kolkata und der Howrah Railway Station am Westufer.
Dieser Endbahnhof gehört zu den größten und verkehrsreichsten Bahnhöfen Indiens. Dementsprechend ist die Rabindra Setu ein 30.000t schweres und 670m langes Nadelöhr.
Zu dem Namen kam die Brücke 1965, zu Ehren des bengalischen Philosophen und Nobelpreisträgers Rabindranath Tagoe. Womöglich ist selbst den Indern dieser Name zu kompliziert gewesen, weswegen die Brücke eigentlich nur unter dem Namen Howrah-Bridge bekannt ist.
Als architektonsiche Inspiration diente die Québec-Brücke über dem St. Lornez Strom in Kanada.
1943 wurde die Howrah-Bridge dann für den Verkehr geöffnet und heute nutzen täglich ungefähr 90.000-120.000 Fahrzeuge und 600.000 Fußgänger die Brücke als kürzeste Möglichkeit den Hoogly zu überqueren.

Für mich ist am nächsten Morgen nur folgendes wichtig: Am richtigen Punkt auf der Brücke zur richtigen Zeit, wenn die Sonne noch tief steht. Vor dem ersten Chai ist auch Achim noch relativ handzahm mit den Taxifahrern und wir erreichen ohne große Vorkommnisse den Busbahnhof am Westufer. Vor der Train-Station stärken wir uns erstmal mit Frühstück und Tee.
Achim sehe ich nun eine Weile nicht mehr, weil er im Bahnhof Reisende portraitieren möchte. Ich vermute, dass die Reisenden eher Selfies mit ihm machen, anstatt dass er die Fotos macht. Als Europäer ist man hier schon sehr exponiert und die Inder freuen sich immer auf Selfies mit uns. Da er jetzt alleine unterwegs ist, liegt die Ausbeute wahrscheinlich bei 4:1…für die Inder.
Wir verabreden den Bushof als fixen Punkt für ein Wiedersehen und trennen uns.
Ich bewege mich in Richtung Brücke und muss schnell feststellen, dass ich für den perfekten Winkel wirklich auf die Fahrbahn muss, was eigentlich genauso klingt wie es ist: Dämlich!
Im dichten Verkehr hin und her hüpfend warte ich auf den richtigen Moment. Die Sonne wird langsam zum wichtigsten Mitspieler in dieser Symphonie aus Verkehr, Licht, Schatten und Brückenbaukunst.
You need a permission…oder doch nicht ?
Ich mache ein paar Probeaufnahmen und entscheide mich noch einmal für einen bessere Position und merke nicht, wie neben mir ein uniformierter Beamter oder Polizist auftaucht und mich mit ernster Miene ansieht.
Ich erkläre ihm höflich, dass ich eigentlich keine Zeit für ihn habe, während er mir gegen den ohrenbetäubenden Lärm ins Ohr brüllt:
” It`s prohibited to take pictures here, you need a permission! “
Na klar, denke ich- in Indien ist viel “Prohibited” bis man mit dem nötigen Geldschein winkt und dann seine Permission erhält.
Ich frage freundlich, aber eigentlich desinteressiert nach dem Preis, verstehe ihn aber nicht wirklich gut und er mich auch nicht.
Da er selber merkt, wie er dem Verkehr ausweichen muss, um an mir dran zu bleiben, entscheidet er sich für den Rückzug auf den sicheren Fußgängerweg.
Da kommt die Sonne zwischen den Stahlträgern zum Vorschein, ich blende die Optik meiner Kamera weiter ab um die Gegenlichtsituation in den Griff zu bekommen.
Perfekt, denke ich- wäre super wenn jetzt zeitnah ein gelbes Taxi auftauchen würde. Ich muss etwas warten bis tatsächlich hinter mir hupend die Silhouette eines gelben Taxis auftaucht und mehr oder weniger auf mich zusteuert.
Ich spüre den Sog ganz nah bei mir und dann taucht es rechts im Bildrand auf. Das Licht der Sonne bricht sich in den Stahlträgern, das Taxi braust in den Bildausschnitt und ich drücke auf den Auslöser meiner Kamera. Das wars! Das Foto ist im Kasten. Ich kontrolliere kurz das Foto im Sucher. Es passt alles!

Jetzt bin ich wach und merke, dass ich wirklich mitten im Berufsverkehr auf einer mehrspurigen Straße stehe und ich finde keine sinnvolle Erklärung, wie ich hier gelandet bin und verspreche mir selbst, dass ich beim nächsten Mal vorsichtiger und überlegter handeln werde.
Ich halte mich nicht länger auf der Brücke auf. Der nette Beamte wartet links hinter der Absperrung auf dem Fußgängerweg. Ich gehe also rechts herum, hüpfe über die Absperrung und laufe mit dem Fußgängerstrom zurück Richtung Busbahnhof.
Dort treffe ich Achim wieder und gemeinsam laufen wir nach einem zweiten Chai-Tee und ein wenig Sightseeing im Bahnhofsviertel über die Howrah-Bridge zurück an das Ostufer.
Achim berichtet mir von einigen Begegnungen im Bahnhof und bestätigt meine 4:1 Quote. Wir hätten wetten sollen, denke ich.
Ich staune nicht schlecht über die unzähligen Warnhinweise die andeuten, dass man auf der Brücke tatsächlich keine Fotos machen darf. Teilweise stehen sogar die Geldstrafen mit auf den kleinen Schildern. Hat der Beamte wohl Recht gehabt denke ich, mit einem inneren Lächeln.
Kunst ist immer persönlich !
Das Foto stimmt für mich und wenn ich nicht erzählen würde, dass es nicht ganz so einfach war es zu realisieren, würde es keiner wissen und man würde das Foto auf sich wirken lassen und sich seine eigene Geschichte dazu denken. Ein Foto muss eigentlich nicht erklärt werden.
Fotografieren ist eine Kunst und Kunst ist bekanntlich immer persönlich. Meine Arbeit als Fotograf endet da, wo der Betrachter anfängt ein Foto auf sich wirken zu lassen und es mit seiner subjektiven Wahrnehmung verarbeitet.
Es ist ein Privileg Dinge zu sehen, die andere in der Form nicht wahrnehmen und dann im richtigen Moment auf den Auslöser drücken zu können. Als Fotograf bin ich nur so gut, wie die Welt um mich herum. Das Bild ist immer schon vor mir da, ich muss es nur finden und ein Foto machen.
Jay Maisel sagte mal:
We don`t take pictures, we`re taken by pictures.
In meiner Welt als Fotograf ist das so. Die Bilder machen mich zum Fotografen und nicht umgekehrt.
Ich mache weiter so lange ich eine Kamera halten kann und durch den Sucher etwas sehe, was mich glücklich macht und es für so wichtig halte, es der Welt in meiner Art der Kommunikation mitzuteilen.
Egal, ob ich dafür neue Schuhe kaufen muss, mit Taxifahrern um Geld streite, mich vor der Polizei wegschleiche oder mir den Abgasrausch gebe.

